Samstag – die Anreise nach Sylt

Wie bei keiner Tour bisher war ich mir bis 20 Minuten vor der Abfahrt von zu Hause noch nicht sicher, ob ich die Tour wirklich antreten sollte.

kurzer Rückblick:

Am Abend zuvor hatte sich der Amoklauf von München ereignet und die Berichterstattung in den Medien darüber hatte mich bei den finalen Vorbereitungen für die Tour extrem beeinträchtigt und verunsichert. Leider war jedoch bis in die Nacht hinein noch nicht klar, wer der oder die Täter waren und vor allem, ob es ein Terrorakt oder doch ein Amoklauf war. Daher entschied ich mich dafür, ersteinaml weiter zu packen und alles für die Fahrt vorzubereiten und dann am Morgen der Abfahrt auf Grund der aktuellen Erkenntnisse zu entscheiden.

Nach einer dann doch recht kurzen Nachtruhe war mein erster Griff am Morgen zur Fernbedienung und banges Hoffen, daß es ein Amoklauf oder zumindest kein islamistischer Terrorakt gewesen war. Diese Aussage mag sich schlimm anhören, aber ein Amoklauf passiert meist alleine und ist Resultat von persönlichen Problemen. Ein Terrorakt kann eine lange Planung vor sich gehabt haben und kann potentiell weitere Taten (in anderen Städten) nach sich ziehen.

Meiner Einschätzung der Meldungen vom Vorabend zur Folge, schien es eher ein Amoklauf gewesen zu sein, u.a. weil der Schütze offenbar ohne Plan und vor allem nicht mit dem totalen Vernichtungswillen wie damals in Paris unterwegs war. Außerdem ist es für islamistische Terroristen untypisch, sich selbst zu erschießen. Das ist wenig Medienwirksam und fordert keine weiteren Opfer, wie es beispielsweise bei Selbstmord durch die Polizei zumindest möglich wäre, diesen Weg hat der Zugattentäter von Würzburg gewählt. Leider konnten mir die Medien darüber keine endgültige Gewissheit geben, auch wenn nun klar war, daß es sich offenbar um einen Einzeltäter gehandelt hatte, der sich selbst erschossen hatte. Die Herkunft dessen ließ zwar einen Terrorakt nicht ausschließen, aber die gesamten Umstände und die vorsichtige Einschätzung der Polizei gab mir genügend Sicherheit, um die lange ersehnte Tour in Angriff zu nehmen.

Daher war ich froh, daß ich eine sehr frühe Regionalbahn nach Köln nehmen mußte, ich die erste-Klasse Lounge für die Wartezeit nutzen und den Kölner Hauptbahnhof bereits um kurz nach neun Uhr morgens mit dem Intercity wieder verlassen konnte. In der Vergangenheit versuchte ich vor jeder großen Fahrt die Zeit zu finden, den Dom zu besuchen und für die Tour zu beten. Diesesmal war mir das ganz einfach zu gefährlich, was wäre neben dem Bahnhof und Flughafen ein besseres Ziel in Köln als DAS Wahrzeichen überhaupt, nicht nur für die Stadt sondern auch für den gesamten christlichen Glauben in Deutschland.

Die Erkenntnisse und Vermutungen zum Vortag gaben mir nicht wirklich Ruhe für die gut 7 stündige Fahrt nach Westerland. Es ist doch erschreckend, wie sehr wir bereits durch die Feinde der freien Welt in unserem Leben beeinträchtigt werden.

Während ich dies schreibe merke ich erstmals, wie surreal es ist, solche Worte zu verfassen zu müssen und in was für einer Welt wir inzwischen leben. Jetzt fange ich an zu verstehen, wie sich wohl die Menschen in Israel fühlen müssen, immer in der Angst vor dem nächsten Anschlag… Nur haben die Menschen dort die Möglichkeit sich ausreichend selbst zu schützen und notfalls die Attentäter selbst mit Waffengewalt zu stoppen. Eine Option die uns verwehrt bleibt und uns damit zu Schafen macht die auf der Weide auf ihr Ende durch den Wolf warten…

Wie sagte bereits Benjamin Franklin so treffend:
„Demokratie, das ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen. Freiheit, das ist, wenn das Schaf bewaffnet ist und die Abstimmung anficht.“

Im Zug gab es dann die nächste Enttäuschung, denn ich hatte einen erste Klasse Sitzplatz im Großraumwagen gebucht und der Zug verfügte lediglich über zwei Abteilwagen in der ersten Klasse. Der erhoffte Komfort der ersten Klasse blieb mir daher weitestgehend verwehrt, denn wer schon mal in einem Abteil eine Reise über fast 8 Stunden verbringen mußte, der weiß wovon ich rede. Glücklicherweise füllte sich mein Abteil nicht ganz, aber schön ist dennoch anders. Der Vorteil lag jedoch ganz klar darin, daß das Fenster im Abteil auch immer ein Notausstieg ist. Daher hätten wir im Falle eines Attentats sowohl den schnellen Zugriff zu einer Notbremse und auch einen Ausstieg in Armlänge verfügbar gehabt. Das wiederum war ein beruhigender Faktor und entschädigte ein wenig.

Die Fahrt selbst verlief relativ problemlos, auch wenn das Bistro wiedermal defekt war und keine warmen Speisen liefern konnte. Wegen Kindern auf den Gleisen, technischen Problemen, Warten auf vorausfahrende Züge und ich weiß nicht mehr was noch alles zu Verzögerungen führte, erreichten wir mit ca. 40 Minuten Verspätung den Bahnhof in Westerland. Was mir außerdem nicht gefiel waren die unfreundlichen Zugbegleiter die sehr genervt wirkten und anscheinend völlig überfordert waren.

Der Fußweg zum Hotel war schnell gefunden und nach einer kleinen Einkaufstour im Edeka war ich endlich „angekommen“ und konnte den Tag vor dem Fernsehen ausklingen lassen.

Wenn Ihr diese Zeilen lest, dann habe ich es geschafft und bin wieder lebend zurückgekommen. Dann werden die nächsten Wochen die Berichte zu den einzelnen Tagen vor Ort und viele Bilder folgen.

Während meiner Tage auf Sylt ereigneten sich in Deutschland noch einige weitere schwerwiegende Ereignisse und instabilisierten die Sicherheitslage somit noch weitaus mehr.

Daher war dies die vorerst letzte Tour in dieser Art für mich. Wie ich schon nach „Köln“ geschrieben habe, wollte ich Flugreisen und Städtetouren meiden, nun ist aber schon das Zugfahren zu einem Risiko geworden und ich bin nicht bereit, mich dieser Belastung weiterhin auszusetzen. Daher wird der Blog nach den Berichten von Sylt vorerst ruhen und ich melde mich zurück, sobald ich einen anderen Weg gefunden habe, auf Tour zu gehen oder unsere Regierung endlich anfängt zu handeln und effektive Maßnahmen gegen die Bedrohung vornimmt. Und wenn der Staat das selbst nicht schafft, dann sollte er uns zumindest das Vertrauen entgegenbringen, daß er von uns verlangt und uns die Möglichkeit geben, uns selbst effektiv verteidigen und schützen zu können. Das würde vielen Menschen zumindest ein wenig von der verlorenen Lebensqualität zurückgeben, denn das Gefühl der Sicherheit ist wie eine wärmende Decke. Diese wurde mir in den letzten Monaten immer ein Stück mehr weggerissen und ich bin nicht der Einzige, der sich momentan wie in der Kälte zurückgelassen vorkommt…

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